Beeindruckt von den scharfsinnigen Argumenten des Pico della Mirandola gegen die Astrologie, rettete Placidus sich mit einer rein physischen Einflusstheorie, die nur das von den Sternen ausgesandte Licht und die Bewegung der Sterne als Wirkgrundlage der Astrologie gelten liess. Konsequent kam er zurück zur Ansicht des Ptolemäus, dass nicht geometrisch elegante Teilungen des Himmelsraums zu suchen sind, sondern nur die täglichen Bewegungen der Gestirne selbst der Direktionsberechnung zugrundegelegt werden dürfen. Auch die Häuser sind keine Teilungen von leeren Räumen, sondern von den täglichen Bahnen der Himmelskörper, wie sie durch den motus primi mobilis erzeugt werden. [RP]
Placido de Titi (latinisiert Placidus de Titis) entstammte dem etrurischen Adelsgeschlecht der Titi und wurde in der umbrischen Bergstadt Perugia im Spätsommer oder Herbst 1603 geboren. Das häufig angegebene Geburtsjahr 1598 ist unrichtig, denn Placidus schreibt selbst: Mein Vater, der am 14. Juli 1603 im 38. Lebensjahre starb, hatte zwei Söhne, einen älteren, der nur zwei Jahre lebte und mich, der ich als Nachgeborener zur Welt kam. Und obwohl ich vom Vater die Neigung zu Herz- und Lungenaffektionen geerbt habe, wundert es mich, daß ich nun schon ins 61. Lebensjahr gelangt bin und mit Gottes Hilfe... [1]. Da Placidus diese Zeilen im Herbst 1663 geschrieben hat, ergibt sich das obige Geburtsdatum. Des verwaisten Knaben, der von seiner Mutter Cäcilia treu behütet wurde, nahm sich besonders sein Onkel Girolamo de Titi an, der Professor der Theologie an der Universität Perugia und später Franziskaner-Ordensprovinzial war. Er hat jedenfalls den schwächlichen Knaben für den geistlichen Stand bestimmt und ihm ermöglicht, daß er an der Universität Padua Mathematik und Physik studieren konnte. Im 21. Jahre wurde er Mitglied der Benediktinerkongregation der "Mönche vom hl. Ölberg" (Olivetaner), die damals auf einer Anhöhe, unweit der Stadt Siena ein weiträumiges Kloster hatten. In seiner "Physiomathematica" S. 291, schreibt nun Placidus selbst, daß er am 16. Oktober 1629 in seinem ..Caenobium am Montoliveto bei Siena einen neuen Stern am Nordhimmel beobachtet und sogleich darauf ein Horoskop errichtet habe. Er brachte das neue Licht (Meteor) mit dem Einfall der Schweden und dem frühen Tod Gustav Adolfs in Verbindung. Man sieht daraus, daß der junge Titi schon mit 26 Jahren eifrig der Astrologie ergeben war. Getreu der Ordensregel und dem mittelalterlichen Gelehrtenbrauche ließ sich aber "Pater Placidus" stets nur beim Vornamen nennen und auch seine Schüler und Anhänger sprachen stets von der "Doctrina Placidiana", so daß sich dieser Brauch bis in die Gegenwart erhalten hat. Im Jahre 1632 wurde er Verwalter des Petersklosters in Gubbio, dann einige Jahre Lektor für Mathematik und Philosophie an der Universität in Padua und erhielt schließlich einen Ruf als Professor der Mathematik an die mailändische Universität Pavia, woselbst er 11 Jahre lang von 1657-1668, bis zu seinem Tode wirkte. Das Herzogtum Mailand gehörte damals zur spanischen Krone und wurde von dem Erzherzog Leopold Wilhelm verwaltet.[1a] Dieser war, wie sein Bruder Kaiser Ferdinand III., ein großer Förderer von Kunst und Wissenschaft, insbesondere aber der Alchemie und Astrologie und diesem "seinem verehrten Gönner und Herrn" hat auch Placidus seine Häusertafeln gewidmet. Placidus starb zu Pavia 1668 im 65. Lebensjahre und auf seinem Grabmal, das später von Pavia in die Bibliothek seiner Vaterstadt Perugia übertragen wurde, stand ein Lobspruch, beginnend mit den Worten:
und worin der Dichter ihn pries, daß er aus natürlichen Einsichten heraus die leuchtenden Sterne von ihrem Schrecken befreit habe, aber bezweifelt, ob die Nachwelt je die Tiefe seiner Gedanken erfassen werde. Darin sollte er leider recht behalten!
Placidus hat folgende Schriften veröffentlicht:[2]
So wuchs auch Placidus, der zu Padua, dieser alten Hochburg der aristotelisch-scholastischen Naturlehre, studierte, in seiner großen Verehrung und dem unbedingten Autoritätsglauben an ihn und Ptolemäus heran und sein heißes Bestreben war, auch die Astrologie und die Erfahrungen der Neuzeit mit dien Lehren in Einklang zu bringen. In seiner Schrift Vom Himmel unterscheidet Aristoteles bekanntlich scharf zwischen der himmlischen, unveränderlichen Region, in der die kreisförmige Bewegung herrscht, und der Welt unter dem Monde, der sublunarischen Region, in der steter Wechsel und die geradlinige Bewegung, der Gegensatz des Leichten und Schweren herrscht. Aus Gegensatzpaaren Warm - Kalt, Feucht - Trocken bauen sich die vier Urqualitäten, alle einfachen und gemischten Körper in stetem Werden und Vergehen, auf. Zuunterst, im Mittelpunkt des ganzen Weltalls, steht das schwerste Element, die Erde, fest und ohne jede Bewegung, dann steigt in geradliniger Bewegung das leichtere Wasser auf, es folgt die noch leichtere Luft , bis endlich das leichteste Element, das Feuer, seinen Rauch und Lichtschein bis an die Grenzen der irdischen Welt sendet. Über dieses Reich der vier Urqualitäten wölbt sich die himmlische Region der fünften Essenz, des göttlichen Äthers, in dem die Sterne ewig und unveränderlich ihre vollkommenen Kreisbahnen ziehen. Alles Werden und jede Veränderung beruht nun auf Bewegung, und jede Bewegung bedarf eines ersten Anstoßes, eines göttlichen Bewegers und eines Ersten Bewegten. Dies ist das Primum Mobile, der äußerste, der Gottheit am nächsten stehende Kristallhimmel, der in einer einzigen und ungeheuer raschen Bewegung von Ost nach West auch alle anderen, auf durchsichtigen Kugelschalen befestigten Planeten mit sich reißt. Diese Schalen oder Sphären sind konzentrisch angeordnet, und so verlangsamt sich die Bewegung in Richtung auf das Zentrum der Welt immer mehr, bis endlich im Zentrurn selbst d. h. der Erde, die kreisförmige Bewegung vollstandig erlischt. Die wunderlichen Schleifen und die "sogenannte" Eigenbewegung der Irrsterne oder Planeten im Tierkreis ist aber nach Ansicht der strengen Aristoteliker, also auch des Placidus, nur eine scheinbare und wird durch die verschiedenen Geschwindigkeiten der Planeten und ihr Zurückbleiben erklärt. (Trepidationstheorie) So ist Saturn der schnellste Planet (!), er bleibt am wenigsten gegenüber der raschen Drehung des Primum Mobile zurück und sein scheinbares Fortschreiten im Tierkreis ist daher am geringsten; der der Erde am nächsten stehende Mond hat aber die langsamste Bewegung (!), er bleibt gegenüber der Drehung des Primum Mobile oder des Fixsternhimmels im Tage fast um 13 Grade zurück und erscheint daher als der schnellste Planet.
Man muß sich in dieses, uns Heutigen ein wenig grotesk anmutende Weltbild erst einleben, um die Gedanken und Schlußfolgerungen der damaligen "Astrosophen" recht würdigen zu können. Gegenüber modernen Spöttern aber sei festgestellt, daß auch unser heliozentrisch-mechanisches Weltbild eben auch nur ein Bild, ein geometrisches Symbol der Wirklichkeit ist, das ihr vielleicht auch nicht näher ist als die Apfelschale dem Kern. Aus der aristotelischen Auffassung vom Primum Mobile als Erstem Bewegten und erste (oder letzte) Ursache alles Werdens und Vergehens in der irdischen Welt, folgt ohne weiteres eine physische Begründung der Astrologie, die auch -obwohl Aristoteles selbst ein Gegner der Sterndeutung war- von Poseidonius und Ptolemäus bis auf Placidus und Morinus, von den meisten gelehrten Astrologen so vertreten wurde. Indessen, so sehr auch Placidus auf die Worte des Meisters schwur, ganz konnte er sich den Einwendungen der "Platoniker" und Renaissancephilosophen nicht verschließen. So lehrte auch er, wie Cardanus, Telesio, Patrizzi u. a., daß nicht die Bewegung, sondern das göttliche Licht Quell und Ursprung aller Stufen des Seins sei und gesteht, ebenso wie Kepler, daß die Kritik des platonischen Fürsten Pico von Mirandola an der Astrologie der ernstesten Beachtung wert sei. Pico lehrte, wie vor ihm schon der scharfsinnige Kardinal Nikolaus Cusanus (Krebs), die Relativität des Ortes und der Bewegung[3]. Es gebe kein "Oben" und "Unten", sondern jeder Teil des Kosmos sei in Wechselbezug, und darauf beruhen auch alle Bewegungen im Kosmos, die keines Anstoßes von Außen bedürfen. Jedes Erkennen sei im Grunde ein Messen und beruhe auf der Setzung bestimmter, als unveränderlich angenommener Ausgangspunkte. Diese geometrischen Punkte seien aber ohne reale Wirksamkeit. "Die Astrologen", ruft Pico leidenschaftlich aus, "haben aber den 12 Zeichen des Tierkreises, den 12 Himmelshäusern, den Aspekten der Planeten, den Mondknoten und anderen lediglich zur Orientierung bestimmten Himmelspunkten reale Kräfte und Einflüsse zugeschrieben, als waren es physische Wesenheiten und nicht bloß gedankliche Hilfsmittel zur Ordnung der Dinge". Dieser methodisch stärkste Einwand gegen die Astrologie hat bei Placidus dermaßen "eingeschlagen", daß er einen förmlichen horror geometricus bekommen hat und da er, im Gegensatz zu dem Platoniker Kepler, keine "Erdseele" und ihre "geometrischen Instinkte" anerkennen konnte, suchte er aus "natürlichen Prinzipien heraus", aus der Stärke und dem Einflusse des Lichts und seiner damit proportionalen Bewegung, diese Fundamente der Astrologie nicht geometrisch-ideell, sondern physisch-real zu begründen. Deshalb gab er auch seinem Hauptwerk, der "Physiomathematica" oder Himmelsphilosophie diesen ungewohnten Titel, der den Primat des Physisch-Realen vor dem bloß Mathematisch-Gedachten schon auf der ersten Seite zum Ausdruck bringen sollte. Im Folgenden wurden nun von mir in 50 Thesen die Grundzüge seiner Lehre und die den Leserkreis des "Zenit" wohl besonders interessierenden Kapitel über die Häuser, Polhöhen und Direktionen dargestellt. Hierbei sind die unter Anführungszeichen stehenden Texte wörtliche Übersetzungen seiner Schlußfolgerungen und Leitsätze, die übrigen Teile aber freie Bearbeitungen und Zusammenfassungen seiner, durch häufige Wiederholungen und die polemisch-scholastische Diktion unübersichtlich gewordenen Gedankengänge. Die eingeklammerten Seitenzahlen beziehen sich, wo nichts anderes angegeben, auf die 2. Auflage der Physiomathematica, 1675. Erklärungen von mir sind durch eckige Klammern kenntlich gemacht.
2.- Das Licht der Sterne wirkt durch seine Eigenschaften und durch die Phasen oder Stationen des Lichts. "Haupteigenschaften des Lichts sind Wirkung in die Tiefe oder Stärke (intensio) und Wirkung in die Breite (extensio)". (8) Die Stationen des Lichts, wie Vorgehen und Zurückweichen, Zu- und Abnahme, Ferne und Nähe usw. sind durch Ortsveränderung bedingt, jene Form der Bewegung, von der nach Aristoteles alles Werden und Vergehen abhängt.
3.- Da die Sterne aber offenbar schon vorher, in der himmlischen Region gegenseitig aufeinander einwirken, so "kommen die aktiven Kräfte und Einflüsse der Gestirne, wie sie sich aus ihren gegenseitigen Stellungen und Wirkungsbeziehungen ergeben, bereits gemischt und zugleich (simul junctae) zu uns herab."(16) Daher können wir sagen: "Das Licht der Sterne wirkt in der irdischen Region nicht gemäß seiner wahren Intensität und Ausbreitung, sondern nur gemäß dem Augenschein (secundum apparentem)" (17) und daher "sollen auch die Örter der Planeten nicht auf den Erdmittelpunkt bezogen, sondern secundum parallaxim berechnet werden".(18)
4.- "Sterne, die uns nicht erscheinen, und Orte, die nicht leuchten, wirken auch auf uns nicht ein".(23) Aber die leuchtenden Sterne, Kometen Finsternisse usw. sind nicht etwa bloße Zeichen der Dinge, sondern wahre Ursachen, wie die Erfahrungen an Krankenhoroskopen beweisen. (26) Selbst dort, wo sie als bloße Anzeichen erscheinen, wie etwa im Vergleich zu Elternhoroskopen, sind sie nur Zeichen der Dinge, deren Ursache sie auch sind. (27)
5.- Obwohl das Licht die alleinige Mittlerin des Gestirneinflusses ist, so ist doch die Bewegung als solche, "der motus localis, die notwendige Ursache oder besser Bedingung für die Bildung von Phasen und Stationen des Lichts". (80) Durch Bewegung entstehen alle Wirkungen und jede Wirkung kann nur durch direkte Berührung, also schrittweise oder allmählich erfolgen, die Wirkungsbeziehung äußert sich nicht bloß in der reinen Zeitdauer, sondern in positiver Aufrechterhaltung, sowohl im Bewegungs- als auch im Ruhezustand, sie kann als "Aufenthalt eines Subjekts im Wirkungsbereich einer bewegenden Ursache erklärt werden". (55)
6.- "Daher können auch die Sterne nur in wechselseitiger Mischung ihrer Einflüsse auf die irdische Welt einwirken" (59) und da sie in steter, allmählicher Bewegung sind, so muß auch ihre Wirkung eine stetige, allmähliche sein. Sie können daher "nur in proportionalen Plätzen, wo sie proportionale Qualitätsgrade erhalten, in Wirkungsbeziehung treten". (60) Daher nennt Placidus diese Beziehungen nicht etwa Aspekte (geometrisch), sondern "familiaritates", d. h. Verwandtschaftsbeziehungen und definiert also: "Die Wirkungsbeziehungen der Sterne im Weltall besteht in dem Vermögen zweier zusammentreffender Lichter einen ihrer Bewegung gemäßen proportionalen Einfluß auszuüben". (63)
7.- Das Wesen der Proportion - so erläutert Placidus - kann rein arithmetisch, gemäß der Zahl, aber auch physisch , gemäß der Aufeinanderfolge, aufgefaßt werden. In der Natur findet sich nun überall Proportion und Harmonie, "in allen ab- und zunehmenden Graden, in Ton und Stimme, Farbe etc.", ja das Leben selbst ist ein "ens successivum", auf allmählichen Ablauf begründet. "in unserem Fall ruht die proportionale Wirkungsbeziehung der Sterne stets auf der Bewegung und nicht auf der Zahl oder Menge von Himmelsteilen". (63) Nur die Sternbeziehungen sind wirksam, die aus Stationen ihrer eigenen Bewegung gebildet werden. Alle bloß geometrischen Teilungen, wie die Äquatoraspekte, die diversen Häuserteilungen (außer die durch Temporalstunden), die fixen Positionskreise des Regiomontanus, die Breitenkreise des Blanchinus u. a. sind als willkürliche Fiktionen abzulehnen". (63) "Denn darin", so ruft Placidus mit Emphase aus, "liegt der ganze Unterschied meiner Lehre und der Lehre anderer Autoren, daß diese Mengen und Räume des Himmels teilen, ich aber nur die Bewegung der Sterne selbst und ihren wirklichen und allmählichen Einfluß, aber keine Quantitäten". (Quod alii dividunt caeli quantitatem et spacia, ego vero motum siderum et eorum influxum realem et succesivem tantum et nullo modo quantitatem.) (64)
8.- Nun gibt es, rein physisch betrachtet, nur eine einzige wahre und wirkliche Bewegung der Sterne am Himmel, d. i. der motus primus oder motus raptus, jene erste und ungeheuer rasche Bewegung des Primum Mobile von Ost gen West, "der auch alle Sterne gleichmäßig vom Aufgang zum Untergang, also zu den fixen Teilen des Universums, folgen, da die Erde selbst sich nicht bewegt". (221) Die andere Bewegung, der motus secundus oder motus particularis, d. h. die zweite oder spezielle Eigenbewegung der Sterne im Tierkreis ist nur eine scheinbare und wird durch die verschiedenen Geschwindigkeiten hervorgerufen. "Die Planeten bewegen sich nicht gegen die Bewegung des Primum Mobile, sondern dieses, weil es viel schneller zum Untergangspunkte gelangt als die Planeten, scheint sich von ihnen gegenseitig zu entfernen". (222)
9.- "Nur zur leichteren Erklärung der astrosophischen Dinge" und nach dem Grundsatz, daß hier der Augenschein maßgebend ist (Thesis 3), sprechen wir von zwei Bewegungen; eine rund um das Weltall (circa mundum) und die andere im Tierkreis (in zodiaco). "Da nun alle Wirkungsbeziehungen auf Bewegung beruhen, so kann es auch nur so viele Arten solcher Beziehungen geben, als es Bewegungen gibt, also nur zwei: mundane Wirkungsbeziehungen (familiaritates in mundo) gemäß den Distanzen der Häuser, und zodiakale Wirkungsbeziehungen (familiaritates in signifero oder in zodiaco), gemäß den Zeichen des Tierkreises". (129)
10.- In beiden Bewegungen nehmen die Sterne von vier Angelpunkten ihren Ausgang, von hier beginnen sie auf die vier ersten Qualitäten zu wirken, nämlich im Aufgangspunkt und im Frühlingspunkt auf das Warme, im Mittag und Sommer auf das Trockene, im Untergangspunkt und Herbstaequinoctium auf das Kalte und zu Mitternacht und im Wintersolstitium auf das Feuchte. 84) Und während die Sterne diese vier Punkte passieren, bringen sie allmählich eine Qualität hervor und geben die konträre Qualität allmählich ab". (86)
11.- Demnach sind also die Häuser real und wirksam, weil sie den Einfluß der Sterne gemäß ihrer Bewegung im Tageslauf um die vier Angelpunkte proportional aufteilen, "hier gehen die Sterne auf, kulminieren und gehen unter und daher sind auch die weiteren Teilungen reale und successive Wirkungen der Sternbewegungen". (70) Die Zeichen aber sind real und wirksam, weil sie den Lauf der Sterne im Tierkreis proportional aufteilen und weil von den vier Wendepunkten des Tierkreises der Wechsel der Jahreszeiten und der Einfluß der Qualitäten seinen Ausgang nimmt. (70)
12.- Träger und Teilungsfaktor der zodiakalen Bewegung ist also der Tierkreis, Träger und Teilungsfaktor der mundanen Bewegung aber der halbe Tag- oder Nachtbogen (semiarcus diurnus vel nocturnus, abgekürzt SAd und SAn, bzw. allgemein SA), weil auf diesen zum Äquator parallel laufenden Bögen die Sterne auf- und untergehen und ihre spezifischen Einflüsse ausüben. Somit definiert Placidus: "Die Strahlen der Sterne zu Eckpunkten und Häusern, die gemäß der proportionalen Teilung der Halbbögen erhalten werden, sind wahre und wirksame Sternbeziehungen, die ich Mundanbeziehungen nenne". (133) Wechselseitig proportionale Distanzen der Sterne im Tierkreis, sind wahre und wirksame Sternbeziehungen, die ich Zodiakalbeziehungen nenne. Letztere sind aber "nur wirksam und real bei der Wanderung der Sterne im Tierkreis, nicht aber im Tageslauf zu Eckpunkten und Häuserspitzen". (129)
13.- Letzteres weist Placidus an einer Zeichnung nach, wo Sonne in 0°
genau im Aszendenten und Jupiter in 0°
im 11. Hause steht. Wohl bildet die Sonne auf ihrem Wege zu Jupiter ein Zodiakalsextil, nicht aber auch Jupiter ein zodiakales Sextil zum Aszendenten, da anscheinend die gleiche Distanz, nicht aber die gleiche Bewegung vorliegt. Jupiter kann die Richtung zum Aszendenten nicht in zodiaco, sondern nur in mundo, d. h. auf seinem Nachtbogen erreichen, und dieser schneidet den Horizont an einer ganz anderen Stelle. Somit sind Zodiakalaspekte auf Häuserspitzen hier unmöglich, da zwei verschiedene Bewegungen zugrunde liegen. (130)
14.- Zu den Mundanbeziehungen, die also stets am SA gemessen werden, gehören außer den Mundanaspekten im engeren Sinne auch die Häuser, dann die wechselseitig proportionalen Distanzen diesseits und jenseits eines Eckpunktes, also die Mundanparallelen die als "Punkte gleicher Kraft" (aequipollentia influxus astrorum circa mundum) im Tageslauf betrachtet werden, (194), dann die Positionskreise, worüber der Abschnitt V näheres bringt.
15.- Zu den wirksamen Zodiakalbeziehungen gehören außer den Zodiakalaspekten im engeren Sinne auch die Zeichen selbst, dann die Zodiakalparallelen die ebenfalls als "Punkte gleicher Kraft im Zodiakallauf" (169) definiert werden, aber nicht wie die alten Antiszien bloß nach Ekliptikgraden genommen werden dürfen. Denn nicht die Ekliptik, sondern nur die Sterne selbst leuchten und sind wirksam, und daher müssen diese Parallelen von den Sternen selbst in ihrem Verhältnis zu den vier Wendepunkten des Tierkreises genommen werden, also nach gleicher oder entgegengesetzter Deklination (primäre und sekundäre Zodiakalparallelen). (171) Ferner gehören hierher auch die zodiakalen Würden der Planeten, die ebenfalls als proportionale Einflußpunkte zu den vier Wendepunkten des Tierkreises, gemäß der speziellen Natur der Planeten (214) aufgefaßt werden.
16.- Innerhalb dieser zwei Hauptklassen von Aspekten gibt es acht Arten von Aspekten. (145) Sie sind mit den Tönen der Musik in einer gewissen Analogie und Übereinstimmung. Da es nun acht Intervalle in der Tonleiter und acht Saitenspannungsverhaltnisse am Monochord gibt, so gibt es auch acht Aspekte in Analogie dazu - und zwar Konjunktion (Prima), Sextil (Tertia minor), Quintil (Tertia maior), Quadrat (Quarta), Trigon (Quinta), Sesquiquadrat (Sexta minor), Biquintil (Sexta maior), Opposition (Octava).
17.- Wie die Mundanaspekte der Planeten auf ihren wahren Halbbögen, also gemäß ihrer Länge und Breite gebildet werden, so auch die Zodiakalaspekte auf den eigenen Bahnen der Planeten im Tierkreis, und nicht auf der Ekliptik. "Denn die Ekliptik ist kein leuchtender Körper, und was kein Licht hat, kann auch nicht wirken". (147)
18.- Eine Mundankonjunktion (coniunctio virtualis) entsteht, wenn zwei Sterne im gleichen Temporalstundenverhältnis zu den Eckpunkten, also auf demselben Positionskreis stehen, (150) alle weiteren Mundanaspekte müssen daher in einer proportionalen Distanz zu diesem Positionskreis oder Eckenverhältnis stehen; dabei macht es nichts aus, daß der SAd und der SAn ungleich groß sind; denn es handelt sich hier nicht um eine mathematische Proportion, sondern um eine physische Proportion und Teilung des Einflusses, der von den vier Eckpunkten seinen Ausgang nimmt.(192)
19.- Eine Zodiakalkonjunktion (coniunctio praesentialis) entsteht, wenn ein Stern in körperliche Berührung (contactus) mit dem Wirkungsumkreis (sphaera activitatis) eines anderen Sterns tritt. Diese kann in vierfacher Art erfolgen, nach Länge und Breite zusammen oder nach Länge allein, partil oder plaktisch. Alle anderen Arten von Zodiakalaspekten müssen daher ebenfalls als proportionale Einflüsse nach einer Zodiakalkonjunktion betrachtet werden, denn sie entstehen zwischen zwei realen Wesen, und nicht zwischen zwei beliebig gewählten, willkürlichen Punkten. (160)
20.- Von den Bewegungen und Berührungen der leuchtenden Körper rund um die vier mundanen und zodiakalen Angelpunkte rühren alle Veränderungen in den irdischen Dingen, in den einfachen und gemischten Körpern her. (94) Zu den gemischten Körpern gehören auch alle Lebewesen, die zu ihrer Existenz zwei lebenswichtige Qualitäten benötigen: die lebenskräftige Wärme (calor vitalis) und die organische Feuchtigkeit, die Körpersäfte (humiditas radicalis); die erstere stammt von der Sonne, die zweite liefert der Mond. (41)
21.- Nun müssen in jedem Lebewesen die vitalen Qualitäten früher dem Keime oder dem Vermögen nach (in potentia) vorhanden sein, bevor sie verwirklicht werden (in actu treten). Denn jedes Wachsen und Werden ist nach Aristoteles der Übergang von einem potentiellen Sein zu einem aktuellen Sein. Daraus folgt: "Die virtuellen oder potentiellen Qualitäten werden in den Lebewesen durch den täglichen Umlauf der Sonne circa mundum (und damit des Mondes um die Sonne) vorhergeordnet oder "präordiniert" (93), die aktuellen Qualitäten aber durch den jährlichen Lauf der Sonne im Tierkreis (und des Mondes um die Sonne) gebildet. Denn der Tageslauf ist wirksamer als der Jahreslauf und von dem, was der Tag erzeugt und mischt, wird das Jahr weiter gemacht und vollendet".(91)
22.- Die übrigen Sterne, die die Sonne umwandeln und von ihr ihr Licht erhalten, wirken bloß modifizierend auf die Lebensqualitäten ein, so Saturn auf die schwarze Galle, Mars auf die gelbe Galle, Jupiter auf das Blut, Venus auf den Schleim, etc. Die Planeten wirken in vierfacher Art ein -
23.- Von Wichtigkeit ist daher die genaue Kenntnis des wahren Geburtsmomentes, der dann gegeben ist, wenn der Fötus "unabhängig" von seiner näheren Ursache und aus der mütterlichen Schutzhülle und Wartung entlassen wird (independens a ministerio matris). (96) In diesem Zeitpunkte beginnen die Sterne im Menschen virtuelle Qualitäten und Keime einzupflanzen oder vorherzuordnen, die erst später durch kürzere Bewegungen in Jahren, Monaten und Tagen verwirklicht werden.
24.- Alle späteren, naturgemäßen Ereignisse (accidentia naturalia) hängen von dieser potentiellen Vorherordnung der Keime und Anlagen ab. Diese treten in genau derselben Zeitordnung in Aktion, wie sie vorhergeordnet wurden. (104) Die günstigsten Zeiten hierzu sind dann gegeben, wenn die momentanen Stellungen der Gestirne ähnlich den Präordinanzkonstellationen geworden sind. (105) Daraus folgt die Möglichkeit, aus dem momentanen Krankheitshoroskop [im Vergleich zur Radix] auf Art, Dauer, Behandlungsweise, etc. der Krankheit zu schließen.
25.- "Auf das aber, was von außen dazukommt (extrinsecus), als Ehren, Würden, Reichtümer, etc., können die Sterne nicht direkt, sondern nur dispositiv wirken". (297) Denn der Mensch ist ein Mittelwesen und steht zwischen Natur und Kunst. Mit dem Körper steht er fest auf der Erde im Bereich der Natur und der notwendigen Ursachen, mit dem ihm von Gott eingepflanzten Geist reicht er in das völlig freie Reich der freien Ursachen, durch seine Lebensqualitäten, die von den Sternen stammen, steht er nun aber in einem Zwischenreich, wo notwendige und freie Ursachen sich mischen, auf- und gegeneinander wirken, wo Keime, Triebe und Dispositionen realisiert werden können, aber nicht müssen. Daher ist bei allen Prognosen Klugheit und vorsichtige Zurückhaltung nötig. (298)
26.- 1. Leitsatz: "Eine naturgemäße Häuserteilung muß nach wechselseitig proportionalen Teilen gemacht werden". (174)
2. Leitsatz: "Es genügt nicht, daß die Häuser unter sich, bloß auf einen Teilungskreis bezogen, gleich sind; sei dies nun der Äquator, die Ekliptik, der erste Vertikal oder sonst ein Ausgangpunkt der Teilung; es muß vielmehr so geteilt werden, daß sich auch außerhalb dieser Kreise proportional gleiche Teile ergeben." (175)
3. Leitsatz: "Die Teilung der Häuser soll unter jedem beliebigen Horizont stets in gleicher Weise und in gleichem Maße aufrecht bleiben." (176)
[Satz 2 folgt aus Thesis 17, da die Breite der Sterne stets berücksichtigt werden muß. Satz 3 ist eine ideale Forderung, die sich aus dem konstanten Verhältnis der vier fixen Weltecken ergibt; sie kann allerdings bei Horoskopen in sehr hohen Breiten nicht erfüllt werden. Dies gilt aber ebenso für die Teilungen nach Campanus, Regiomontanus etc. die wohl mathematisch, aber nicht astrologisch durchführbar sind, da sie dem Sinn der Hausbedeutungen widersprechen würden. Vergl. dazu Benes: "Die Häuserspitzen im Horoskop der Marie Peary". Sonderheft 2 des "Zenit", insbes. S. 51.]
27.- 4. Leitsatz: "Eine naturgemäße Häuserteilung soll den Einfluß der Gestirne, nicht aber leere Himmelsräume oder Flächen teilen" (influxus astrorum, non spacii caelis, vel aeris). (176) - Wenn man die Spitzen der Häuser bloß als geometrische Linien auffasse, zu denen die Sterne gelangen und hier wirksam werden, die aber auch in Abwesenheit des Sterns wirksam sein sollen, gehe man fehl; denn am geometrischen Ort haften keine Wirkungen. Vielmehr hängt die Wirkung und Teilung der Häuser nur von der Bewegung der leuchtenden Körper und von den Strahlen der Sterne ab, ja sie sind "selbst Strahlungspunkte (irradationes), die von leuchtenden Körpern hervorgerufen werden." (177)
28.- 5. Leitsatz: "Alle Punkte am Horizont und Meridian, durch welche Linien zur Teilung der Himmelsstationen (mansiones) gezogen werden, sind Punkte, in welchen die Sterne aufgehen und kulminieren (Caeli mediant)". (181)
6. Leitsatz: "Die erste Teilung des Himmelsgewölbes (mundus) soll also in vier Teilen geschehen". (181)
7. Leitsatz: "Diese vier Teile werden bestimmt und begrenzt durch zwei Großkreise, Horizont und Meridian". (182)
[Es handelt sich also hier nicht um Ekliptikpunkte, sondern um Linien; Ptolemäus, Tetrabiblos III, 10 sagt ganz klar:
Von diesen Linien, und nicht vom einzigen Ekliptikpunkt beginnen die Sterne zu wirken und daher muß im Horoskop auch die Breite der Gestirne berücksichtigt werden. Hierzu gibt Placidus ein Beispiel: ]
Steht z. B. die Venus mit 9° n. B. in 0°
(in Zodiakalkonjunktion mit der eben aufgehenden Sonne, so folgt daraus nicht, daß sie auch an der Spitze 1 stehen muß. Denn sie ist bereits bei 10°
aufgestiegen und wäre nur dann auf der Spitze 1 oder in Konjunktion mit dem Aszendenten, wenn sie ebenfalls wie die Sonne auf dem Horizont stünde. Daraus ersieht man "wunderschön" den Unterschied zwischen einer Zodiakalkonjunktion und einer Mundankonjunktion [siehe Thesis 18 u. 19] aber auch die Notwendigkeit, zwischen Mundan- und Zodiakalaspekten klar zu unterscheiden. (182)
29.- 8. Leitsatz: "Eine naturgemäße Häuserteilung soll durch je zwei Temporalstunden der Himmelspunkte und Sterne gemacht werden, also durch eine proportionale Teilung ihrer Bewegungen bezw. ihrer Bewegungsbögen von einem zum nächsten Eckpunkt." (per binas temporales horas locorum et siderum id est proportionale divisione motuum seu dicamus arcuum mobilium ab uno ad alium cardinem. (187) - Nur bei dieser Teilung werden auch die außerhalb des Äquators und der Ekliptik gelegenen Orte und Sterne erfaßt, nur bei ihr wird der Vorschrift des Aristoteles entsprechend die Größe durch die Bewegung et vice versa gemessen, nur bei ihr wird der Einfluß und die Wirkung der Sterne gemäß des durchlaufenen größeren oder kleineren Zeitraums gemessen und "so ist meine Hauseinteilung naturgemäß und vollständig im Einklang mit den Vorschriften des Ptolemäus". (189)
"Wenn aber behauptet wird, sagt Placidus selbst, daß diese Teilung auch nicht gleich und proportional ist, da bei Punkten mit größerer nördlicher Deklination der halbe Tagebogen weitaus größer als der halbe Nachtbogen ist und damit auch die Häuser über und unter der Erde ungleich groß werden, so ist zu erwidern, daß hier nur die Quantität, nicht aber die Qualität verändert wird. Diese kommt von den vier Weltecken her, die alle Sterne gleichmäßig durchschreiten und ob sie nun in kleineren Vierteln und in rascherer Bewegung oder in größeren Vierteln und in langsamerer Bewegung sind, bleibt sich das Kräfteverhaltnis zu den Ecken stets konstant. So können die Häuser selbst als Proportionalteile der vier Viertel (Partes proportionales quartarum) betrachtet werden, die unter sich an Einfluß wechselseitig gleich sind!" (189)
[Siehe dazu auch Thesis 18. Die Berechnung der Häuser hat Placidus nicht gelehrt, sie kannn nur im Wege successiver Annnäherung, dann aber mit bogenminutengenauen Werten durchgeführt werden, worüber meine Arbeit: "Die exakte Häuserberechnung nach Maginus und Placidus, "Zenit" 1931, Aufschluß und Rechnungsbeispiel gibt. Um sich aber das Wesen seiner proportionalen Teilung der Bewegung und des Einflusses der Sterne klar zu machen, sei folgender Vergleich gestattet. Im Frühling, wenn die Sonnne in 0° Widder zugleich im Äquator steht, sind Tag und Nacht gleich lang, Äquator und Temporalstunden gleich groß. Wenn es also 6 Uhr ist, steht die Sonne im Horizont, auf der Linie des Aszendenten und wirkt hier mit der Intensität der "Sechsuhrsonne", nach 2 Temporalstunden hat sie 1/3 ihres SA zurückgelegt, hat die Linie der Spitze XII erreicht und wirkt nun mit der Kraft der "Achtuhrsonne", wieder nach 2 Temporalstunden hat sie 2/3 ihres SA durchwandert, die Linie der Spitze XI und die Intensität einer "Zehnuhrsonne" erreicht, nach weiteren 2 Stunden kulminiert sie endlich mit der Kraft der "Mittagssonne". Dieses Zeit-, Bewegungs- und Einflußverhältnis muß nun auf jeden aufsteigenden Ekliptikgrad sinngerecht ausgedehnt werden, so zwar, daß, wie in einer Momentaufnahme das große Riesenrad plötzlich stille steht und alle zwölf in Betracht kommenden Ekliptikpunkte oder Häuserspitzen auf ihren Halbbögen genau das entsprechende funktionelle Verhältnis von 1:3, 2:3, 3:3 aufweisen. Die Placidianische Häuserteilung beruht also, wie er selbst (S. 192) ausdrücklich sagt, auf einer "physischen und nicht mathematischen Proportion" und steht in bewußtem Gegensatz zu den rein geometrischen Teilungen. Wenn man ihr also die "unzureichende, geometrische Fundierung" vorwirft, so ist das ebenso lächerlich, als wenn man einem Vertreter einer Papiergeldtheorie die mangelnde metallische Basis vorwerfen würde. Im übrigen sind die zur Häuserteilung benützten Temporalstundenkreise, die die zwölf Äquatorpunkte wie die Sprossen einer Leiter mit den korrespondierenden Ekliptikpunkten verbinden, ebenso Teile von vollen Großkreisen, wie die regiomontanischen Positionskreise, nur gehen sie eben nicht durch die hier ganz belanglosen Nord- und Südpunkte des Horizonts. Wenn man aber die astrologisch wirksame Zone zwischen Äquator und dem Ekliptikring, in dem die bedeutsamen Sterne kreisen, verläßt, wenn man (gerade vom Südpunkt aus) alle SA schematisch bis zur Zirkumpolarregion unterteilt, dann erhält man allerdings ganz "unnatürliche" geknickte Häusergrenzlinien, wie sie aus der Zeichnung von O. A. Ludwig in "Zenit" 1930, S. 218, ersichtlich sind. Man versündigt sich hier aber an Placidus und will das unbedingt geometrisieren, was er bloß physisch-zeitlich am Himmel bestimmen wollte. Auf Grund seiner acht Leitsätze verwirft nun Placidus die ihm bekannten (6) Häuserteilungen, (siehe hierüber meine Abhandlung: "Ptolemäus und die Entwicklung der Häusertheorien", "Zenit" 1930, S. 270) - insbesondere kämpft er gegen die rationale Manier, "wohl die schwächste von allen", weil sie gegen jede Logik nach zwei Bewegungen teilt, den Äquator teilt sie gemäß der wahren Bewegung, die korrespondierenden Ekliptikpu nkte aber noch einer fiktiven Drehung parallel zum ersten Vertikal". (186) Dies führt uns zur Lehre von den Positionskreisen und soll dort ausführlicher dargestellt werden.]
[Die Positionskreise müssen also, wie ja schon ihr Name sagt, einen Laufenden halten, in Besitz nehmen und müssen daher selbst feststehen. Bei "laufenden Positionskreisen" würden nicht die Pferde zum Ziel, sondern das Zielband zu den Pferden laufen! - Placidus nennt die Positionskreise stets "eckpunktähnliche Stellen oder Eckpunktähnlichkeiten" (similitudines situum ad cardines) und definiert:]
31.- "Wirkliche und naturgemaße Eckpunktähnlichkeiten könnnen also nur durch den Vergleich der Bewegungsbögen der Sterne (SA) erhalten werden. Die so ermittelten Kreisbogenteile sind identisch mit jenen "Halbkreisen", von denen Ptolemäus sagt, daß sie gleiche Temporalstunden anzeigen. - "Bloße Ähnlichkeiten der Distanzen, die Avenesra [Ibn Esra], Regiomontanus u. a. durch Vergleich der Parallelbögen zum ersten Vertikal errechnet haben und die miteinander durch Positionskreise verbunden sind, die durch die Schnittpunkte von Horizont und Meridian gehen, sind nicht naturwirklich und wirksam (non reales in natura), sondern bloß erdachte Dinge menschlicher Willkür." (201)
Zur weiteren Erklärung dienen nun zwei Zeichnungen, in denen je die Linie SON den Horizont, SAMN den Meridian, AO den Äquator bedeutet. Fig.1 stellt die fiktive Drehung um die Nord- und Südpunkte des Horizonts, parallel zum ersten Vertikal, MO, dar. Fig. 2 die wahre Drehung des Himmels parallel zum Äquator.
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32.- "Meine Lehre ruht aber auf gänzlich neuem Grunde. . . . . . Ich nehme diese Ähnlichkeiten auf Bögen, die parallel zum Äquator gehen, weil diese die wahren Wege der Sterne von einem zum anderen Eckpunkt sind". (199) [In Fig. 2 also Bögen BC : BD = Bogen FH : FG.] "Und zwar so: Der Parallelbogen eines Prorogators sei z. B. 70° und seine Meridiandistanz sei 20°, um wieviel muß nun ein Nachfolgender abstehen, dessen SA 80° groß ist? Durch eine Proportionsrechnung (per regulam auream) erhalte ich nun jene 2. Distanz, den der andere auf dem Äquator zurücklegen muß." (200) [Wir erhalten also die übliche Formel SA : MD = SA1 : x, woraus sich der Direktionsbogen mit MD1 + x ergibt.- Die Berechnung eines Placidianischen Positionskreises erfolgt also durch eine physische Proportion und Vergleichung zweier SA [hier Bogen DG = Temporalstundenkreis] und die obige Grundformel wird, falls es sich bloß um den Positionskreis eines Sterns handelt, zur bekannten "Fundamentalproportion" der englischen Astrologen, SA : MD = 90 : x, da der hier zu vergleichende Halbbogen der zugehörige Äquatorquadrant ist. Das Resultat, von den Engländern kurz und ungenau selbst "Positionskreis" genannt, ergibt den schrägen Meridianabstand (OMD) des Sterns D, hier also Bogen AK, woraus sich aus der Differenz zur geraden MD, hier Bogen AL, die Aszensionaldifferenz des Sterns unter dem Pol dieses Positionskreises (Bogen KL) ergibt.]
33.- "Wenn aber behauptet wird, daß die so erhaltenen Temporalstundenlinien auch keine vollen Halbkreise sind und in der Zirkumpolargegend imaginär werden, so antworte ich, daß Ptolemäus auch nur von Teilen von Kreisbögen gesprochen hat und daß diese Bogenteile schließlich bis zu jenen Punkten reichen, wo nichts mehr auf- und untergeht." (203) Man kann also diese Bögen auch Temporalstundenplätze (situum positionis horarium) nennen, das sind kleine Kreisbögen, in welchen Sterne verschiedener Deklination trotzdem gleichweite Temporalstunden verhältnismäßig entfernt sind." (Thesis 55 in Tabulae primi mobilis.)
[Wie ich bei der Häuserteilung gezeigt, so stellt also auch der placidianische Positionskreis ein physisches Verhältnis zu den Ecken dar, ausgedrückt durch SA:MD, die der Prorogator konstant inne hat, zu diesem Kraftpunkt, Qualität oder Stärkeverhaltnis - aber nicht zu einer geometrischen Linie soll der Okkursant geführt werden, um die gleiche Intensität zu erhalten. Vergl. dazu die vorzüglichen Ausführungen E. C. Kuehr's im "XIII. Kongreßbericht, 1934", S. 68 ff., die sich mit den Gedankengängen Placidus' decken. Wie die Positionskreise, die wie die Sprossen einer Leiter jeweils zwei korrespondierende Bewegungs- und Einflußpunkte verbinden, so will Placidus auch die dazugehörigen Polhöhen nicht durch mathematische Proportion (oder trigonometrische Formeln), sondern folgerecht wieder durch eine physische Proportion feststellen. Obwohl diese Polhöhen in seinem System nur zur Errichtung von Häusertafeln notwendig sind, hat er ihre Berechnung zwar nicht in seinem Hauptwerk, aber im Canon XII zu seinen Tabulae primi mobilis vorgeführt.]
34.- Es heißt dort: "Auffindung der Polhöhe" (elevatio polis super circulum Ptolemaeicum).
35.- Die Direktion ist jene rasche Bewegung, durch welche in ganz kurzen Zeiträumen himmlische Ursachen oder Triebkräfte im Geborenen potentiell naturgemäße Wirkungen vorher ordnen, die erst später im Laufe des Lebens zur Verwirklichung gelangen." (224)
36.- Gewisse Sterne und bedeutsame Einflußpunkte am Himmel haben nun eine besondere Empfänglichkeit gegenüber den siderischen Einflüssen, sie erzeugen und verwalten im irdischen Leben gewisse Grundbedingungen und können daher als Regulatoren des Lebens angesehen werden; man nennt sie Prorogatoren, Moderatoren, Signifikatoren oder auch Vorlaufende, nach Ptolemäus sind es fünf. Sonne, Mond, Asz., MC und das Glücksrad. (106) [Placidus nimmt nach Thesis 42 allenfalls auch einen Planeten als Vertreter des Prorogators an.] "Alle anderen Sterne, die ihnen begegnen, auch Kometen, sowie überhaupt alles, was am Himmel leuchtet, werden Okkursanten, Promissoren oder Nachfolgende genannt." (113)
37.- "Unter Primärdirektion verstehe ich also die Führung eines Prorogators zu einem Okkursanten gemäß der bei den Autoren üblichen Annahme, obwohl diese unter sich und ich ihnen gegenüber in der Berechnungsart abweichen." (256) [Diese allgemeine Annahme besteht darin, daß einer von beiden im Tageslauf als stillstehend gedacht wird.]
38.- "Unter Sekundärdirektionen verstehe ich jede Bewegung, die die Sterne selbst, gemäß den Daten der Ephemeriden in jenen Tagen noch der Geburt ausführen, in welchen die Vorherordnung der Lebensprinzipien nun mit ihren naturgemäßen Beihilfen (coeffectibus naturalibus) geschieht." Die Vorherordnung von Wärme und Feuchtigkeit erfolgt zunächst von den beiden Himmelslichtern, insoweit diese aber von den übrigen Planeten Aspekte empfangen, wird die Vorherordnung je nach der Natur der Planeten unterstützt und modifiziert. (239)
39.- Kein Prorogator kann aber wirklich still stehen, da es am Himmel nirgends einen absoluten Stillstand gibt, er kann also nur relativ, d. h. in Bezug auf eine der 2 Bewegungen still stehen. 106) So kann ein Prorogator in mundo, d. h. auf seinem Positionskreis still stehen und sich dabei doch in zodiaco bewegen, denn während er im Tierkreis wandert, werden sich zwar seine Deklination, sein SA sowie die Polhöhe andern, nicht aber das Verhältnis zu den Ecken, [wenn er nämlich auf dem richtigen Positionskreis steht] (109) andererseits kann ein Stern in zodiaco stille stehen und bei Beibehaltung seiner Dekl. sich doch auf seinem SA, in mundo von Ost nach West bewegen. (109)
40.- "Zwiefach ist die Kraft jedes Prorogators, die eine ist mundan, die andere zodiakal festgelegt; die erstere ruht unbeweglich auf ihrem Temporalstundenkreis, bewegt sich aber auf dem Primum Mobile von West gen Ost, die andere ist an das Primum Mobile geheftet, bewegt sich aber mit diesem selbst rund um das Weltall." (Circa mundum) (111)
41.- Zwiefach ist auch die Direktionsbewegung gemäß Ptolemäus die eine heißt Aktinobolie oder direkte Führung (motus rectus), diese geht in der Folge der Zeichen, die andere heißt Horimaia oder motus conversus und geht gegen die Folge der Zeichen. (228) "Somit halte auch ich nur zwei Direktionsweisen für zulässig, direkt und konvers, und halte die Meinung derer, die nur in zodiaco dirigieren und konverse Direktionen verdammen, für irrig." (229)
42.- Bei direkter Führung bleibt der Signifikator unbeweglich auf seinem Positionskreis mit gleicher Polhöhe stehen, schreitet aber auf dem Primum Mobile von West gen Ost vor. Die Okkursanten bleiben aber hierbei gänzlich unbeweglich in mundo, gemäß ihrer Polhöhe stehen." (Canon XVI in den Tabulae Primi Mobilis. [Da die älteren Astrologen nur in zodiaco dirigiert haben, beziehen sich die Ausdrücke "direkt" und "konvers" stets nur auf den Tierkreis und nie auf die tägliche Himmelsbewegung oder gar auf die Rotation der Erde! Da nach Placidus die zodiakale Bewegung nur eine scheinbare ist, so ist auch die "direkte Führung in der Folge der Zeichen nur eine Scheinführung. In "Wirklichkeit" dreht sich in beiden Fällen nur das Primum Mobile und reißt einmal den Okkursanten zum Prorogator ("direkt"), wodurch es "scheint, als ob sich" der Prorogator in der Folge der Zeichen bewegen würde, das andere Mal wird der Prorogator selbst vom primum mobile gegen die Zeichenfolge (konvers) zum Okkursanten geführt.]
43.- "Bei direkter Führung können die [ständig] in mundo festgelegten Prorogatoren, also MC und AS nur Mundanaspekte bilden, die übrigen Prorogatoren, Sonne, Mond, Glücksrad, als auch andere Planeten, falls Prorogatoren fehlen, können sowohl zu Mundan- als auch zu Zodiakalbeziehungen [Aspekten in weitestem Sinne] gebracht werden." (229) - Bei konverser Führung, wo sich die Prorogatoren motu converso oder mundan bewegen, können nur mundane Wirkungsbeziehungen gebildet werden." (232) [Dies folgt aus Thesis 9 und 12, wonach jede Wirkungsbeziehung auf ihre Bewegungsart zurückgehen muß. Umgekehrt folgt daraus "bei Mundandirektionen kann sowohl direkt als auch konvers dirigiert werden, bei Zodiakaldirektionen aber nur direkt. (274)
44.- Die Prorogatoren wandeln bei allen Direktionen, auch bei Progressen, Transiten und Ingressen stets auf ihrer eigenen Bahn(super suam viam), die Sonne also in der Ekliptik, der Mond und die Planeten gemäß ihrer Breite, das Glücksrad aber in der Bahn des Mondes und mit dessen Breite. (230) Wird ein Planet als Prorogator mit Breite zu Zodiakalaspekten geführt, so muß der Okkursant, um ihn zu treffen, auch die Breite des Prorogators annehmen, wie andererseits ein zur Sonne in zodiaco geführter Okkursant seine Breite verliert. (270) Wird aber ein beliebiger Prorogator zu einer Mundanbeziehung geführt, so muß die Breite beider Sterne (servato latitudine occurentium) berücksichtigt werden. (279)
45.- Alle Direktionen, sowohl zu Mundan- als zu Zodiakalbeziehungen werden nach dergleichen Grundproportion gerechnet; u. zw. bei direkter Führung so. "Es verhält sich der SA oder die Temporalstunden des Prorogators zu seiner MD oder Spitzendistanz, wie der SA des Okkursanten zu der Sekundärdistanz des Okkursanten." (259, Canon IV) [Diese wird dann je nach der Passierung oder Nichtüberschreitung des Meridians oder der betr. Spitze zur MD bzw. Sekundärdistanz des Okkursanten algebraisch addiert.] - "Bei konversen Führungen bewegt sich der Prorogator selbst und dadurch wird auch die Reihenfolge in der Proprotion geändert u. zw. wird jetzt der SA des Promissors das erste Glied, der SA der Prorogators das dritte Glied der Proportion." (286)
[Der Vorwurf, die Placidianischen Direktionen seien "uneinheitlich" und werden einmal mit SA, das andere Mal mit AO und Pol der Geburt gerechnet, ist unbegründet; stets wird in allen Fällen vom SA des stillstehenden Planeten gerechnet, auch bei den direkten Führungen von MC und Asz. (konverse gibt es nicht) handelt es sich stets um Teile von SA (Horizont- oder Meridiandistanz), die alle Funktionen einer und derselben Polhöhe sind. Die Berechnung der verschiedenen Primärdirektionen nach der SA-Methode setze ich als bekannt voraus, sie wurden von Placidus in seinen Rechenanweisungen manchmal etwas umständlicher, aber im Wesen gleicher Art, wie heute üblich, gelehrt. Hier folgen nur zwei Spezialfälle.]
46.- Nachdem das Licht Mittler des Sterneinflusses ist und das Licht der Sonne durch die Dämmerung ganz bedeutend modifiziert wird, so ist bei Sonnendirektionen folgendes zu berücksichtigen:
47.- Bei der Horimaia der konversen Führung eines Prorogators zum Untergangspunkt ist folgendermaßen zu rechnen:
"Den primären Direktionen liegt der Tageslauf der Sonne zugrunde, die im Geborenen das wichtigste Lebensprinzip, die Lebenskraft und Wärme vorher ordnet. (226) Während nun die Sonne in täglicher Bewegung rund um das Weltall schreitet, geht das Primum Mobile in gleicher Richtung vorwärts, überholt die Sonne aber und ist am Ende eines Tages um 1 Grad vor der Sonne. "Wir sagen dann, die Sonne sei um 1 Grad im Tierkreis vorgerückt. Daher wird durch die Bewegung der Sonne in einem Tage das Ausmaß der Lebenskraft für ein Jahr vorgeordnet." (227) - Das Direktionsmaß für das 1. Lebensjahr ist also jenes Äquatorstück, das die Sonne in gerader Aufsteigung durch ihre Bewegung am ersten Tage erreicht, das Maß für das 2 Jahr entspricht dem gleichen Wege am 2. Tage u. s. f. Um also den Direktionsbogen folgerecht in Zeit zu verwandeln: "Addiere zum Direktionsbogen die AR der Sonne am Geburtstage und suche in der Tafel der AR, welchem Ekliptikgrade diese Summe entspricht. Dann suche in den Ephemeriden nach, an welchem Tag und zu welcher Stunde die Sonne zu dieser Länge gelangt und merke: Soviel Tage es sind, soviel Jahre bezeichnen sie und soviel mal je 2 gleich lange Stunden herauskommen, soviel Monate." (271)
49.- Durch die monatlichen Umläufe um die Sonne unmittelbar nach der Geburt präordiniert der Mond im Menschen die Keime und Dispositionen der organischen Feuchtigkeit [oder des Säftehaushaltes]. Daher wird als Maß für die Lunarprogresse die jeweilige Rückkehr des Mondes zur gleichen Lichtphase und dem gleichen Abstand von der Sonnne festgesetzt, die er zur Zeit der Geburt gehabt hat. (243) Jede volle Lunation ordnet aber das Maß der organischen Feuchtigkeit für ein Lebensjahr. (273)
[Die rein fiktiven Profektionen, die meist pro Jahr um ein Zeichen fortschreiten, hielt Placidus für willkürlich und nicht naturgemäß. Er ersetzt sie daher durch den synodischen Mondlauf, wobei allerdings zu beachten ist, daß 12 Lunationen nicht dem Sonnenjahr entsprechen, sondern um 11 Tage weniger zählen.]
50.- Die täglichen Bewegungen der Sterne im Tierkreis sind für das Leben des Geborenen in zweifacher Hinsicht bedeutsam: in Bezug auf die Sterne des Geburtsstandes, diese heißen Transite und tragen zur kongenialen Mischung der Temperamente und Konstitutionen bei, und 2. zu Direktions- oder Progressionsstellen, diese heißen Ingresse und dienen zur Auslösung der dort vorgeordneten Potenzen und Dispositionen. (246) Aktive Transite und Ingresse entstehen dann, wenn aktive Sterne über die radikalen oder progressiven Plätze der Prorogatoren gehen. Passive Transite und Ingresse dannn, wenn die Prorogatoren selbst in täglicher Bewegung zu Aspekten von radikalen oder progressiven Stellen aktiver Sterne kommen. Sie wirken beide, teils fördernd, teils hemmend, auf die Wachstumsprinzipien ein, je nach der Ähnlichkeit zur Ausgangskonstellation; die aktiven mehr antreibend ändernd, die passiven mehr auf Aufrechterhaltung des vorgeordneten Zustandes bedacht. (248/49)
Vom Standpunkt des Placidus aus ist zu sagen,daß diese Direktionsmethode seiner Lehre nicht widerspricht, sofern auch die Häuser, der Abstand vom Positionskreis und die Polhöhen nach seiner, in Abschnitt V. beschriebenen Art berechnet werden, denn Häuser und Direktionsstellen müssen wohl nach gleich fundierter Polmethode berechnet werden und gehören funktionell zusammen. Von seinem physischen Standpunkt aus sind diese Direktionen, ebenso wie die SA-Direktionen "Führungen zu Punkten gleicher Kraft im Tageslauf", nur erscheinen sie zumeist überflüssig, weil das, was bereits durch den Vergleich der SA als eckpunktähnlich und wirksam erkannt wurde, nicht auch durch Polhöhen festgestellt werden muß. Vorn geometrischen Standpunkt aus ergeben sich aber gewisse Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten, wie bei allen rein "physisch" bestimmten Faktoren; sie lassen sich nicht graphisch beweisen und lösen und schließlich kann der Placidianische Temporalstundenkreisbogen gegenüber dem Positionskreis des Regiomontanus wohl das konstante Verhältnis zu den Eckpunkten, nicht aber die gemeinsame Polhöhe aufrechterhalten, denn bei ersterem wechselt bei jeder Änderung der Deklination sofort auch die Polhöhe. Wenn sich E. C. Kuehr indessen auf die Erfahrung beruft, so kann er leicht recht behalten, denn bei der Polmethode lassen sich in der Metagnosis die Ereignisbögen viel leichter auffinden, als bei der SA-Methode und können daher auch in der Prognose bessere Dienste leisten. Wie weit aber "Geometrie" und "Erfahrung" hier und im allgemeinen in der Astrologie entscheidend sind, wollen wir im achten und letzten Abschnitt dieser Studie näher beleuchten.
Aber einen bedeutenden Kleiderwechsel mußte sich seine Lehre hier schon gefallen lassen ! Denn die empirisch-praktischen Engländer, die schon längst der neuen Himmelsmechanik zugetan waren, zogen ihr einfach das scholastisch-aristotelische Kleid aus und fanden, daß ihre einfachen, dem Augenschein so entsprechenden Rechenweisen ganz gut ohne die theoretischen Grundlagen, ja sogar gegen sie beibehalten werden können. Darin hatten sie, wie wir noch sehen werden, in gewissem Sinne instinktiv das Richtige getroffen. Sie gaben also die, aus der Theorie unmittelbar folgenden Beschränkungen auf, nahmen MC und Asz. symbolisch ebenfalls als Körper (bodies) an, die man ebenso gut direkt, wie konvers, mundan und zodiakal führen könne, führten dazu die Poldirektionen ein, strichen dafür das Glücksrad, die Dämmerungsbögen und vereinfachten wesentlich die Bestimmungen über die Breite der Aspekte. In dieser vereinfachten, aber etwas "nackten" Form wurde sie dann später von Alan Leo, H. S. Green, Sepharial u. a. in den schillernden Zaubermantel der indischen Theosophie eingehüllt und so kam sie in merkwürdiger Verbrämung in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch noch Frankreich, wo ihre ersten Vertreter H. Barlet, Jules Eveno und H. Selva waren, welch letzterer auch die erste eingehende geometrische Darstellung der Häusermethoden gab und dabei die placidianische als die "rationellste" fand [4] Erwähnenswert ist auch der bedeutende Astrologe Paul Choisnard, der im Gegensatz zu den "Traditionalisten" die Placidusmethode von ihrer mystischen Umhüllung loslösen wollte und die Mundanaspekte ablehnte, dafür sie aber auf empirisch-statistischem Wege auf eine "rationale Basis" stellen wollte. In der vereinfachten englischen Form kam die Lehre des Placidus auch nach Holland (Thierens, Knegt, Libra etc.) und durch A. Kniepf und besonders K. Brandler-Pracht auch in die deutschen Lande(1905), wo sie alsbald kritisch zerpflügt und mannigfach "verbessert" wurde. Hierbei kam es infolge der Unkenntnis der Originalwerke zu argen Mißverständnissen, die, trotzdem Dr. Woellner schon 1911 (im "Zodiakus", 11. Jgg.) auf das Studium des Hauptwerkes hinwies und eine korrekte Darstellung seiner Berechnungsweise brachte, immer größer wurde. Deutlich zeigte sich die babylonische Begriffsverwirrung in der Zusammenstellung der verschiedenen "Auffassungen" der Methode Placidus durch A. O. Ludwig (in "Zenit", 1930). Durch meine verschiedenen Aufsätze in der Fachpresse und die gegenwärtige Darstellung hoffe ich nunmehr doch etwas mehr Verständnis und Gerechtigkeit für Placidus zu finden, dessen Lehren wir nun einer kurzen Kritik unterziehen wollen.
In 50 Thesen habe ich versucht, die Grundzüge der Placidianischen "Astrosophie" darzustellen. Sie erscheint als kühner Versuch, die Astrologie einheitlich und geschlossen in das aristotelisch-scholastische Weltbild einzubauen und aus wenigen "ersten Ursachen", wie Licht, Bewegung und einer von ihm erdachten "physischen Proportion" in strenger Deduktion alle weiteren astrologischen Elemente, Zeichen, Häuser, Aspekte und Progressionsstellen abzuleiten. Daß es dabei nicht ohne Widersprüche ging, ja, daß sich selbst die offenkundige Erfahrung dem Diktat seiner Logik beugen mußte, ist aus der Denkweise seiner Zeit verständlich. So etwa, wenn er die Wirkung der Sterne, die nicht sichtbar sind (in der unteren Horoskophälfte), die also gemäß seiner Lehre (Thesis 4) nicht wirken können, aus dem Gegensatz der Qualitäten ableiten will; oder es für "evidentissimum" halt, daß die zunehmende Intensität des Lichts nicht vom höheren Horizontstand, sondern von der längeren Dauer abhängt, woraus also, wie Dr. Weidner mit Recht bemängelt, "nach Placidus das Land der Mitternachtssonne das wärmste sein müßte". Auch in der Praxis gab es bei ihm oft Unstimmigkeiten, so dirigierte er die Sonne und den Mond oft zu ihren eigenen Quadraturen, obwohl er (im Buch 1. Kap. 9) ausdrücklich erklärt, daß Aspekte, die nur auf die eigene Bahn des Aspektwerfers fallen, wirkungslos sind. Schon mehrfach habe ich auch darauf hingewiesen, daß die Zodiakalparallelen-Direktion die Einheit seines Primärdirektionssystems stört, da hier der Okkursant im Wege des Primum Mobile nicht zu einer feststehenden Radixstelle, sondern zu einem Ort gebracht wird, den der Prorogator erst noch Tagen oder Wochen, also sekundär, erreicht. Die Einführung von Polhöhen der Prorogatoren erscheint überflüssig, und seine Forderung, im Horoskop auch stets die Breite der Planeten zu berücksichtigen (Thesis 28) hat er selbst in seinen Beispielen nie befolgt. Diese Lokalisierung von Sternen höherer Breite ist überhaupt ein - weder in der rationalen, noch seiner Manier - bisher gelöstes Problem, daß aber, insbesondere bei Venus und Mond, wenn sie nahe dem MC oder Aszendenten stehen, die Deutung wesentlich beeinflussen kann. Der Einwand, seine Methode sei in Horoskopen mit hoher Breite (Polargebiete) nicht brauchbar, trifft ebenso die rationale Manier, wenn man den astrologischen Sinn der Häuser nicht auf den Kopf stellen will. Hier muß eben eine besondere Polar-Häusermethode erst erdacht werden. So ließen sich noch manche Unstimmigkeiten und Schwierigkeiten aufzeigen, die schwierigste Frage ist indes die: "Kann die placidianische Häuser- und Direktionsmethode auch nach Fortfall ihres scholastischen Fundaments bestehen bleiben?" - Hier muß zunächst die Ansicht widerlegt werden, daß sein Teilungssystern mit denen des Alcabitius und Cardanus identisch sei. Wohl besteht, wenn man die Lesart Dr. Weidners über die Methode des Alcabitius billigt (die aber Placidus nicht kannte), im mathematischen Aufbau der Formeln völlige Gleichheit und auch die "vereinfachte" Direktionsweise des Cardanus, sowie die Häuserteilung nach Maginus ist mit seiner formal identisch oder gibt zumindest die gleichen Resultate. (Siehe meine Arbeiten in "Astrol. Rundschau", XXIII. und "Zenit" 1932.) Das Entscheidende liegt aber keineswegs in der mathematischen Gleichheit der Formeln, die sich (wie Dr. Koch gezeigt hat) auch zwischen der rationalen und placidianischen Manier herstellen laßt, sondern in der Verwendung der Proportion zum Vergleich physischer Qualitäten, darin konnte Placidus mit Recht sagen, daß seine Lehre "auf völlig neuem Grunde ruhe" (Thesis 32); sie stellt nämlich den Beginn einer symbolisch-qualitativen Mathematik dar, die nach den trefflichen Ausführungen Dr. Reissmann's (im Kongreßbericht, Dortmund 1930, S. 40) sinngemäß zu einer symbolischen Astrologie gehört, die eben selbst die "Vergleichung von Formqualitäten" lehrt und fordert. Auch in seiner Gleichsetzung von Zeit-Raum, Kraft-Bewegung kommt er den Gedankengängen der modernen Mathematik und Physik sehr nahe (vierdimensionale Gebilde, Feldtheorie, Relativität etc.). Sein tiefer Gedanke, daß der erste Tag des Lebens all das in potentia vorherordnet, was später in gleicher Ordnung im Lauf des ganzen Lebens verwirklicht wird, ist ein würdiges Gegenstück zum biogenetischen Grundgesetz Mueller und Haeckels, wonach die Keimesgeschichte eine rasche Wiederholung der Stammesgeschichte ist. Besonders fruchtbar erweist sich aber seine, immer wiederholte Forderung, in der Astrologie alles stets "secundum apparentem" nach dem Augenschein am Himmel zu nehmen (Thesis 3). Damit fällt auch die belastende Verkettung seiner Lehre mit dem scholastisch-aristotelischen Fundament der alten Physik weg und wir können nunmehr so handeln und deuten, "als ob" die Sterne so oder so stehen und wirken würden, als ob dieser siderische "Einfluß" sich von den Angelpunkten der scheinbaren Sternbewegung auf Zeichen und Häuser proportional weiterpflanzen würde. So kommen wir auch hier wieder zu einer symbolischen, einer fiktionalistischen Astrologie (im Sinne von Vaihinger und Hentges), die große Teile der astrologischen Tradition retten und verteidigen kann, die bei einer naturkausalen Auffassung der Astrologie unweigerlich aufgegeben werden müßten. (Choisnard und v. Kloeckler haben diese schmerzvolle Operation schon durchgeführt.) Denn das wird wohl jedem logisch denkenden Astrologen allmählich klar werden, daß jeder Versuch, die Astrologie exakt naturwissenschaftlich zu begründen, scheitern muß. Denn die recht verstandene Astrologie hat nicht kosmobiologische Sachverhalte festzustellen und aufzuklären (eine sehr wichtige, aber nicht ihre Aufgabe), sondern schlicht Konstellationen und Lebensläufe zu verstehen und zu deuten. Sie verhält sich also so, wie die Biographie und Geschichte zur Biologie und Naturwissenschaft. Die Astrologie als kosmische Ganzheitslehre ist nur auf symbolischer Basis möglich und welche Rechenweise würde sich dazu besser eignen, als die placidianische Vergleichung von (Als - ob) -Einflußqualitäten?
Nun ist gewiß auch die rein geometrische Auffassung der astrologischen Faktoren, wie sie im System des Regiomontanus am reinsten hervortritt, ein Symbol oder Abbild der Wirklichkeit, aber sie ist nicht mehr so naturnah, bereits durch mannigfache Abstraktionen durchgegangen und kann nunmehr durch Symbole 2. Ordnung (Globus) veranschaulicht werden. Sie ist sozusagen die Symbolik der Rationalisten und ihr unleugbarer Vorzug ist, daß bei ihr alle Sätze geometrisch beweisbar und bildlich darstellbar, alle ihre Probleme durch graphische Konstruktionen oder Nomogramme zu lösen sind. Darin ist sie der placidianischen physischen Auffassung die mehr dem unmittelbaren Eindruck und dem ahnungsvollen Empfinden des Naturmenschen beim Anblick des gestirnten Himmels entspricht, unbedingt überlegen. Hierin und nicht in mathematischen Differenzen liegt der tiefe, seelische Unterschied zwischen der rationalen und der placidianischen Manier, aber zugleich auch die Existenzberechtigung beider Methoden und Denkformen.
Wem also geometrische Klarheit über alles geht, wer meint, daß diese Teilungen letzten Endes doch eine quantitative, also eine geometrische Angelegenheit sein müsse, der möge ruhig Häuser und Direktionen nach Regiomontanus berechnen wie sie im "Zenit"' hier konsequent von J. Schultz vertreten wird. Wer instinktiv in der placidianischen Weise die naturnähere und daher auch ältere Symbolik zu erfühlen glaubt, möge, trotz aller Angriffe der Gegner und angeblicher Mißerfolge der vereinfachten, dem Augenschein entsprechenden placidianischen Häuser- und Direktionsmethode, also der Tagbogenmethode, treu bleiben.
Wer aber glaubt, daß es nur eine richtige Rechenweise geben kann, und daß sich die richtige Methode durch Erfahrung schließlich feststellen lassen müßte, der ist ganz bestimmt auf dem Holzwege! Denn die Erfahrung ist gerade auf diesem Gebiete ein recht trügerischer Lehrmeister, wie schon Kepler festgestellt hat ("sed experientia est confusa"), und sie ist so "biegsam", daß sie jedem Verteidiger seiner eigenen Methode vollständig recht gibt! (Beispiele im "Zenit".) Andererseits zeigt das seit Jahrhunderten immerwährende Herumdoktern und Suchen nach neuen Verfahren und Direktionsschlüsseln, daß kein System je der Wirklichkeit vollkommen nahekommt.
Und keines wird und kann je der Wirklichkeit kongruent sein! Denn selbst wenn wir mit Laplace den strengen Determinismus im Naturgeschehen annnehmen würden, könnte die menschliche Gebrechlichkeit doch nie den Zusammenhang aller Ursachenketten überschauen und eine sichere Voraussage machen. Herrscht aber im Reich des Geistes eine gewisse Wahlfreiheit, dann könnte erst recht niemand, wie Placidus sagt, den "Zusammenprall freier und notwendiger Ursachen" voraussehen. Wir müssen uns also auf jeden Fall mit angenäherten Methoden und Vermutungen begnügen! Dies wird heutzutage sogar im strengen Reich der Physik anerkannt und sowohl die Astronomie (Eddington, Jeans) wie auch die Atomlehre und Kosmologie führt mitten in transzendentale Probleme hinein.
Im Schnittpunkt ektropischer und entropischer Tendenzen steht aber die Wahrscheinlichkeit, die alle Stufen des Weltalls umfaßt und noch weit hinter der Geschlossenheit der Naturkausalität liegt. Das ganze All, stellt sich (nach Schneider) als eine Setzung von Wahrscheinlichkeit dar, die alle Stufen des Seins final aufeinander bezieht; und so ist auch unser Leben mit allen seinen Zufällen und Notwendigkeiten nur ein Gebilde der Wahrscheinlichkeit.
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